Schwangerschaft, Wachstum und Entwicklung

Drei Schwangere im Schneidersitz auf Gymnastik-Matten

Die Phase der ersten 1000 Tage hat generell für die Entwicklung des Kindes eine besondere Bedeutung. In diesem kritischen Zeitfenster wächst der kindliche Organismus in hohem Tempo und die Organsysteme durchlaufen wichtige Differenzierungs- und Entwicklungsprozesse. Während dieser prä- und postnatalen Zeit bis zum 3. Lebensjahr ist der menschliche Organismus noch sehr formbar und anpassungsfähig, aber auch sehr verletzlich. Sowohl durch einen Mangel an wichtigen Nährstoffen als auch durch die exzessive Zufuhr bestimmter Nähr- und Schadstoffe kann er dauerhaft beeinflusst werden. Andererseits besteht aber die Möglichkeit, durch gezielte Intervention in dieser Periode die funktionalen Fähigkeiten des Körpers zu verbessern und so auch Antworten zu schaffen auf neu entstandene gesundheitliche Herausforderungen. Denn gerade in diesen 1000 Tagen erfolgt offenkundig eine Programmierung des Organismus. Das heißt, epigenetische Faktoren können jetzt die Entwicklung nachhaltig beeinflussen – sowohl positive wie negativ.

Für Entwicklung und Wachstum spielen die Proteine eine entscheidende Rolle. Lange war die ausreichende Versorgung des Kleinkinds, wenn nicht gestillt werden konnte, ein Problem, das zu langfristigen Mangelerscheinungen führte. Deshalb forderten die Empfehlungen der Fachgesellschaften entsprechend hohe Mengen. Inzwischen weiß man, dass auch zu viel Protein zu schädlichen Langzeitfolgen wie Übergewicht führen kann. Grundsätzlich ist zu beachten, dass der Eiweißbedarf des Säuglings nicht gleichbleibend ist, sondern bezogen auf das Körpergewicht mit dem Alter abnimmt, wobei die Abnahme in den ersten Lebensmonaten besonders steil ist. Ähnlich dem Bedarf nimmt die Eiweißaufnahme pro kg Körpergewicht des gestillten Kindes mit zunehmendem Alter ab, gleichzeitig geht der Eiweißgehalt der Muttermilch zurück – das gestillte Kind erhält also gerade die richtige Menge Eiweiß.

NNI Newspaper 2/2017

Die Bedeutung des STILLENS wird unterstrichen, und wie unnachahmlich sich Muttermilch an die Bedürfnisse des Babys anpasst. Dazu gibt es ein Interview mit Prof. Abou-Dakn. Der ZAUBERTRANK MUTTERMILCH wird in seine Bestandteile zerlegt und die Bedeutung für Wachstum und Entwicklung aus verschiedenen Perspektiven erläutert.

Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit

Das Leben beginnt vor der Geburt. Schon die Ernährung in der Schwangerschaft hat nachhaltige Auswirkungen auf die Entwicklung, auf Wachstum und Gewichtszunahme des Kindes. Die Einflüsse beginnen sogar schon vor der Zeugung, das haben verschiedene Studien bewiesen.

Präkonzeptionelles Gewicht Ein normaler BMI (18,5–24,9 kg/m²) bietet gute Voraussetzungen für Fertilität und Schwangerschaftsverlauf. Dagegen können bei einem BMI von 30 kg/m² oder darüber verschiedene Komplikationen auftreten. So besteht ein erhöhtes Risiko für Aborte, für Präeklampsie, Gestationsdiabetes und Thromboembolien. Auch ist die Kaiserschnitt-Rate höher und es gibt häufi ger Stillschwierigkeiten als bei Normalgewichtigen. Mit zunehmendem mütterlichem BMI steigt auch das Risiko für ein hohes Geburtsgewicht des Neugeborenen.

Mütterliche Adipositas

Und die Analyse der Daten von über 640.000 Personen bestätigt einen direkten Zusammenhang von hohem Geburtsgewicht und späterem Übergewichtsrisiko. Empfohlen wird deshalb bei einem BMI > 30 vor der Empfängnis eine 5- bis 10-prozentige Gewichtsabnahme. Diese bietet der werdenden Mutter gesundheitliche Vorteile und reduziert das spätere Übergewichtsrisiko für das Kind. Intrauterine Einfl üsse Bekannt ist, dass die Ernährung in der Schwangerschaft und in den ersten Lebensmonaten einen prägenden Einfl uss auf die langfristige Gesundheit des Kindes hat. Die sogenannte Barker-Hypothese geht davon aus, dass ein Zusammenhang besteht zwischen intrauteriner Mangelernährung, geringem Geburtsgewicht und nichtübertragbaren Erkrankungen im Erwachsenenleben. Doch dieses „fetal programming“ ist auch bei einer Überversorgung im Mutterleib nachzuweisen. Übergewicht der Schwangeren und/oder ein unbehandelter Diabetes mellitus kann zu fetaler Überernährung und einem hohen Geburtsgewicht (> 4.000 g) führen. Dieses ist mit einem doppelt so hohen Übergewichtsrisiko im Erwachsenenalter verbunden. Ernährung in der Schwangerschaft Während der Schwangerschaft steigt der Bedarf an Nährstoffen und Energie. Eine ausgewogene Ernährung, körperliche Aktivität und der Verzicht auf schädliche Faktoren wie Rauchen und Alkohol sind auch zum Besten des Kindes. Die wichtigsten Einfl ussfaktoren: vielfältige, ausgewogene Ernährung adäquate Gewichtszunahme adaptierte Vitamin- und Mineralstoffsupplementierung Vermeidung von Nahrungsquellen mit gesundheitsgefährdender Wirkung (z.B. Rohmilch, rohes Fleisch, Innereien mit hoher Vitamin A-Konzentration).


Adäquate Gewichtszunahme

Gemäss der Referenzwerte der D-A-CHOrganisiation für normalgewichtige Schwangere wird im 1. Trimenon keine zusätzliche Energie benötigt, im 2. Trimenon 250 kcal/d zusätzlich und im 3. Trimenon 500 kcal. Die Empfehlungen für eine normale Gewichtszunahme entsprechen den Werten des amerikanischen Institute of Medicine (IOM) und berücksichtigen auch die optimale kindliche Entwicklung.

Gewichtszunahme in der Schwangerschaft

Eine Diät in der Schwangerschaft wird ausdrücklich nicht empfohlen, auch nicht für übergewichtige bzw. adipöse Frauen.

Denn diese impliziert die Gefahr eines Mangels an wichtigen Nährstoffen. Interventionsstudien haben aber gezeigt, dass durch Anleitung für eine abgestimmte Ernährung und tägliche sportliche Aktivität eine massvolle Gewichtsabnahme erzielt werden kann.


Mikronährstoffbedarf

Auch bei einer ausgewogenen Ernährung kann der Bedarf an Folsäure und Vitamin D sowie bei vielen Frauen auch an Eisen und Vitamin B12 nicht über das Essen gedeckt werden. Die Folsäuresubstitution vermindert das Risiko für einen Neuralrohrdefekt wie Spinabifida oder Anencephalus und Lippen-Kiefer-Gaumenspalte signifikant. Für Folsäure gilt deshalb bereits perikonzeptionell die Empfehlung einer Supplementierung von 400 µg Folsäure/d. Eine erhöhte Dosis wird bei Frauen empfohlen, die schon ein Kind mit Neuralrohrdefekt geboren haben, bei Dia betes mellitus, bei Adipositas sowie bei Mehrlingsschwangerschaften. Eisenmangel kann zu Anämie, intrauteriner Wachstumsrestriktion und zu Neugeborenen mit geringem Geburtsgewicht führen. Die ausreichende Versorgung verbessert das Geburtsgewicht in einer linearen Dosis-Wirkungskurve, doch auch eine Eisenüberladung birgt Risiken. In der Schweiz wird generell zu Beginn der Schwangerschaft eine Hämoglobin- und Ferritinbestimmung empfohlen. Vitamin D-Mangel ist mit einem erhöhten Risiko für Gestationsdiabetes, Präeklampsie und zu geringem Geburtsgewicht assoziiert. Eine entsprechende Supplementierung in der Schwangerschaft zeigt positive Wirkung. Die Gefahr einer ungenügenden Vitamin B12 Versorgung besteht vor allem bei vegetarischer oder veganer Ernährung. Dies kann zu schweren Entwicklungsschäden führen.

Videovortrag

LC-PUFA Versorgung

Langkettige Fettsäuren (LC-PUFA = long chain polyunsaturated fatty acids) sind für die Gehirnentwicklung des Feten und Säuglings besonders wichtig. Vor allem die Omega3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA) und die Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure (AA) müssen über die Nahrung aufgenommen werden, da sie nicht ausreichend gebildet werden können. LC-PUFA werden im fetalen Fettgewebe gespeichert. Sie sind in den ersten 2 Monaten postpartal aufgebraucht, sofern sie nicht weiter beim Stillen über die mütterliche Ernährung oder durch eine angereicherte Säuglingsmilch zugeführt werden. Fettreicher Fisch enthält Omega-3-Fettsäuren, zudem liefert er Folsäure und Jod. 1–2 Portionen Fisch pro Woche in Schwangerschaft und Stillzeit erfüllen den entsprechenden Bedarf.

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